Zwei Gedichte zu Lebaran (Ramadan Teil 4)

Oktober 6, 2008

In einem früheren Beitrag hatte ich ein Beispiel für ein Pantun, wie es zum Lebaran verschickt wird. Hier ist es noch mal (für die Wortliste s. den früheren Beitrag):

Kecubung Batu dari Kalimantan
Cantik disanding dengan Berlian.
Berhubung Rabu depan sudah Lebaran,
salah dan khilaf mohon dimaafkan.

Wir sehen hier, daß sich die letzten Silben jeweils reimen, so wie es für Pantun üblich ist. Nun bezieht sich der erste Teil auf den besagten Amethyst, der genauso schön ist wie ein Diamant. Es läßt sich schon ein gewisser Zusammenhang mit dem zweiten Teil herstellen, in dem mit Bezug auf Lebaran um Vergebung gebeten wird.

Nun habe ich ein weiteres Beispiel, bei dem dies ein wenig schwieriger sein wird. Es handelt sich hierbei um ein sogenanntes Pakiran, eine Gedichtsform, wie sie für Ostjava typisch ist:

Numpak skuter ojo banter-banter,
Rodane cilik gampang selip,
Awak iki sering keblinger,
Nyuwun sepurane ben rodo apik.

Die Vokale der jeweils letzten Silben stimmen immer noch überein, eine Art von Minimalreim (die genauen Regeln sind mir nicht bekannt). Hier eine Wortliste:

  • numpak (Wurzel tumpak): fahren („naik“)
  • skuter: Scooter, Roller
  • ojo: negativer Befehl („jangan“)
  • banter-banter: schnell („kencang“)
  • roda: Rad
  • -ne: Possessivsuffix („-nya“)
  • cilik: klein
  • gampang: einfach (wie Indon.)
  • selip: rutschen
  • awak: ich (im Malaysischen „du“)
  • iki: dies
  • sering: oft (wie Indon.)
  • keblinger: falsch, fehlen (im Sinne von „ich habe gefehlt“) („silap, salah“)
  • nyuwun (Wurzel suwun): bitten („minta“)
  • sepurane: Entschuldingung
  • ben: lassen („biar“)
  • rodo: ziemlich („agak“)
  • apik: gut („baik, bagus“)
Die erste Hälfte bezieht sich also darauf, daß man nicht zu schnell Roller fahren solle, weil man bei den kleinen Rädern schnell ins Rutschen komme. Die zweite Hälfte bittet dann wiederum um Vergebung für seine Fehler…
(Natürlich gibt es noch viele verschieden Texte, dies erhebt keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit).

Selamat Lebaran (Ramadan – Teil 3)

Oktober 1, 2008

Heute ist Eid ul-Fitr, das Fest des Fastenbrechens, eines der höchsten Feiertage im Islam. Er steht direkt im Anschluß an das Ende des Ramadan und dauert drei Tage (für ein paar Ramadan-Bilder, darunter vier aus Indonesien, s. hier). In der Türkei auch als Zuckerfest bekannt, wird das Fest im Indonesischen auch als Idul Fitri oder Lebaran bezeichnet.  Zur Terminfestlegung gibt es ähnliche Streitigkeiten wie zum Termin des Ramadan, wie in diesem Beitrag beschrieben. Der neue Monat beginnt ja nach Sonnenuntergang mit Sichtung der ersten Mondsichel, jedoch ist es üblich bis zum ersten Eid-Gebet am nächsten Morgen das Glaubensbekenntnis takbir zu wiederholen. Je nach dem, wen man fragt, beginnt Eid ul-Fitr also direkt nach Ende des Ramadans, oder mit dem ersten Eid-Gebet.

Als Grußformeln kann man Selamat Hari Raya, Selamat Lebaran, Selamat Idul Fitri, oder auch in Kombinationen wie Selamat Hari Raya Idul Fitri verwenden. Auch ist wie zu Beginn des Ramadan die Formel Mohon maaf lahir batin, mit der um Vergebung für seine Fehler bittet, üblich. Eine arabische Grußformel, min al ‚aidin wa al faizin (teils anders geschrieben), wird häufig auch verwendet in der irrigen Annahme, sie bedeute dasselbe wie mohon maaf lahir batin. Wie auch hier und hier beschrieben, bedeutet die Formel „(ein Teil) von denen, die zurückkehren (zum Fastenbrechen), und von denen, die siegreich sind (in ihrem Glauben)“, d.h. es drückt den Wunsch aus, daß man zu denen gehört, die den Fastenmonat im Einklang mit den religiösen Vorgaben bestritten haben und in ihrem Glauben gestärkt worden sind. Anders als viele Indonesier denken, hat dies jedoch nicht das Geringste damit zu tun, seine Mitmenschen um Vergebung zu bitten. (Es gibt noch längere arabischsprachige Formeln, von denen der obige Ausdruck lediglich einen Teil darstellt, s. z.B. hier.)

Eine längere Version, wie sie als Kurznachricht verschickt wird, lautet z.B.

Selamat Idul Fitri 1429 H. Minal aidzin wal faidzin wal faidzin. Mohon maaf lahir dan bathin atas segala kesalahan baik yang disengaja maupun tidak. Semoga rahmat Tuhan selalu tercurah pada kita. Amin

Oder ein weiteres Beispiel:

Kecubung Batu dari Kalimantan Cantik disanding dengan Berlian. Berhubung Rabu depan sudah Lebaran, salah dan khilaf mohon dimaafkan. Selamat Hari Raya Idul Fitri 1429 H. Minal aidin wal’faizin.

(Aus Zeitgründen folgt eine Wortliste mit Anmerkungen erst in einigen Tagen an dieser Stelle.)

Anläßlich des Eid ul-Fitr reisen Millionen von Indonesiern in ihre Heimatdörfer, was zu enormen Verkehraufkommen führt. Dies wird mudik genannt, und jedes Jahr gibt es viele Verkehrstote zu beklagen. 

Die Hauptstadt Jakarta, die Menschen aus dem ganzen Land anzieht, wird also leer wie sonst nie sein. Und nach dem Fest wird die Hauptstadt um etwa 100.000 Neuankömmlinge anwachsen, denn die vielen Schilderungen der Heimkehrer in ihrem kampung werden einige ihrer Verwandten und Freunde ermuntern, es ebenfalls zu probieren.

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Ein Pantun und ein Kinderlied

März 28, 2008

Ein Pantun ist eine traditionelle Form eines malaiischen Gedichts. Eine Strophe besteht normalerweise aus vier Versen zu je acht bis zwölf Silben. Das Reimschema ist abab, also ein Kreuzreim, wobei sich nur die letzte Silbe reimen muß. Ein Pantun kann sich auch über mehrere Strophen erstrecken, wobei dann der zweite und vierte Vers einer jeden Strophe als erster und dritter Vers der jeweils nachfolgenden Strophe verwendet werden. Üblicherweise muß man eine genaue Kenntnis der im Gedicht verwendenten Symbole haben, um alle Anspielungen zu verstehen.

Ich kenne nur ein einziges Pantun, welches aber praktischerweise auch zu den berühmtesten zählt:

Kalau ada sumur di ladang,
boleh kita menumpang mandi,
Kalau umur kita panjang,
semoga kita bertemu lagi.

Hier gibt es das in einer leicht abgewandelten Form:

Kalau ada sumur di ladang
harap boleh menumpang mandi
Kalau ada umur yang panjang
harap kita berjumpa lagi.

Ich habe am Ende eine Wortliste angefügt, aber bewußt keine Übersetzung eingeschlossen. Wer sich an einer poetischen Übertragung ins Deutsche versuchen möchte, ist dazu eingeladen, mir diese zwecks Veröffentlichung hier zuzuschicken! Dies gilt auch für die literarische Interpretation.

Dieses Pantun ist auch Bestandteil eines populären Volksliedes namens Rasa Sayange („Gefühl der Liebe“). Dieses Lied stammt aller Wahrscheinlichkeit aus Ambon in den Molukken, für dessen Malay-Variante es üblich ist, ein -e an sayang anzuhängen. (Genauere Informationen gibt es dazu nicht, aber es könnte der auch im Balinesischen gebräuchliche Genitivmarker für Nomen sein.) Hier ist ein indonesisches Video:

Der letzte Teil des Videos zeigt einen niederländischen Werbefilm über Batavia kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, der die Melodie von Rasa Sayange als Hintergrundmusik verwendet. Dies diente dem Ersteller des besagten Videos u.a. dazu, um die indonesischen Ansprüche auf das Lied als Kulturgut zu untermauern. Die malaysische Regierung verwendete nämlich ebenjenes Lied für eine Werbekampagne, die das harmonische Zusammenleben der ethnischen Gruppen anhand dieses Songs zu promoten versuchte. Das Lied wird dann auch in den verschiedenen Sprachen Malaysias gesungen. Interessanterweise fand das Pantun keine Erwähnung hier.

Es scheint in der malaysischen Version tatsächlich das besagte Pantun zu fehlen, denn auch im nachfolgenden Musikvideo für Kinder fehlt es. Es geht statt dessen hauptsächlich um die Frau (nona), die man von weitem sieht (lihat jauh). Man beachte auch, daß in Malaysia budak „Kind“ bedeutet (anak), während budak in Indonesien „Sklave“ bedeutet.

Es kann also ein Kinderlied zu diplomatischen Verwicklungen führen. Hier ein englischsprachiger Artikel der offiziellen Nachrichenagentur ANTARA darüber, daß der indonesische Militärchef Malaysia auffordert, kulturelles Fingerspitzengefühl zu zeigen.

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