Präfixlose Verben

Mai 31, 2009

Wir wollen uns nun einem wichtigen Phänomen der Umgangssprache widmen, dem der präfixlosen Verben. Hierbei gibt es drei verschiedene Arten: Verben, die stets ohne Präfix auftreten (sog. kata aus), intransitive Verben, die in der Standardsprache normalerweise mit dem Präfix ber- stehen, und transitive Verben, die in der Standardsprache normalerweise mit dem Präfix meng- stehen. Um zu verstehen, wie diese Verben in der Umgangssprache verwendet werden, müssen wir auf dem aufbauen, was in der Standardsprache üblich ist.

kata aus

Einige häufig verwendete Verben stehen stets ohne Präfix. Sneddon listet die folgenden Verben (als Auswahl!) auf:

  • bangun „aufwachen“
  • benci „hassen“
  • cinta „lieben
  • datang „kommen“
  • duduk „sitzen“
  • gagal „scheitern“
  • hidup „leben“
  • ikut „folgen“
  • ingat „erinnern“
  • jatuh „fallen“
  • kembali „zurückkommen“
  • lenyap „verschwinden“
  • lulus „(Prüfung o.ä.) bestehen“
  • lupa „vergessen“
  • mandi „waschen“
  • masuk „betreten, hineingehen“
  • mati „sterben“
  • menang „gewinnen“
  • mulai „beginnen“
  • percaya „glauben“
  • pergi „gehen“
  • pindah „umziehen“
  • pulang „nach Hause gehen“
  • selesai „enden“
  • tahu „wissen“
  • tenggelam „sinken“
  • terbang „fliegen“
  • tiba „ankommen“
  • tidur „schlafen“

Diese Verben sind sämtlich intransitiv und stehen immer ohne Präfix. Man beachte, daß manche transitive Verben mit entsprechender Affigierung bilden können, z.B. menidurkan „zu Bett bringen“ von tidur „schlafen“, oder mencintai „lieben“ von cinta „lieben“.

intransitive Verben auf ber-

Die weitaus größte Anzahl von intransitiven Verben tritt mit dem ber-Präfix auf, das auch äußerst produktiv Verben von Nomen ableitet. In der Umgangssprache kann es laut Sneddons CJI bei einigen wenigen Verben weggelassen werden, wie z.B. bei (ber)jalan „gehen“, (be)kerja „arbeiten“ (ber)tanya „fragen“, (ber)pikir „denken“ und (ber)bicara „sprechen“. Diese Verben treten in der Umgangssprache mehrheitlich präfixlos auf, d.h. in der Umgangssprache sind sie zu den kata aus zu rechnen. (Eine weitere Kategorie sind ber- -an-Verben mit reziprokaler Bedeutung, bei denen in der Umgangssprache durchweg das ber- entfällt, was jedoch an anderer Stelle diskutiert wird.)

Ansonsten ist laut Sneddon dieses Präfix auch in der Umgangsprache recht häufig, wobei es selten zu be- reduziert werden kann, was einen Einfluß des Betawi darstellt: kita bedua „wir zwei“, bedarah „bluten“ und becanda „scherzen“. (In bekerja ist eine in der Standardsprache regelmäßige Reduktion aufgrund des /r/ in der Wurzel)

transitive Verben auf meng-

Mit einigen häufigen Verben kann auch in der Standardsprache Ausfall des Präfix eintreten, zu nennen wären hier makan, minum, minta, mohon. Teilweise gibt es auch Bedeutungsunterschiede: während dapat sowohl „können“ als auch  „bekommen“ bedeuten kann, hat die präfigierte Form mendapat nur die Bedeutung „bekommen“. Eine weitere Ausnahme stellt das Verb mengerti dar. Ursprünglich kommt dies von der Wurzel arti „Bedeutung“, aber das Präfix meng- scheint als Teil der Wurzel reanalysiert worden zu sein, denn in der Passivform fällt dies in der Regel nicht aus, so daß wir Formen wie dimengerti „verstanden werden“ vorfinden.

In der Umgangssprache steht in der Regel anstelle des meng-Präfix eine reduzierte Form ng-. Wie wir schon festgestellt haben, sind aber die Grenzen zwischen Umgangssprache und Standardsprache fließend, so daß Sprecher auch zwischen meng- und ng-Präfix hin- und herwechseln.Wouk (2004)  hat die Formen mit meN– und N– verglichen und kommt zum Schluß, daß neben einem Unterschied an Formalität meng-Formen einen geringeren Grad an Transitivität aufzuweisen scheinen als die ng-Formen.

Gleichzeitig ist es in der Umgangssprache sehr häufig, daß transitive Verben ganz ohne Präfix auftreten. Dies ist aber nicht komplementär wie bei ber-, sondern als ein Nebeneinander zu verstehen.  Wouk (2004a) vergleicht präfigierte und unpräfigierte transitive Verben. Die folgenden Formen wurden hier verglichen

  • die klar mit meN- oder N- markierten Verbformen wurden als actor trigger (AT) definiert
  • die klar mit di- markierten Formen und die Verbformen, die direkt ein enklitisches Pronomen aufweisen (kukontrak / saya kontrak „von mir gemietet“), wurden als patient trigger (PT) definiert.
  • alle affixlosen Verbformen, deren synktaktische und diskursivische Eigenschaften mit denen von AT und PT verglichen wurden.

Im großen und ganzen kommt Wouk (2004a) zum Schluß, daß die affixlosen Verbformen sich eher wie AT-Formen verhalten und daher als Variante von diesen zu sehen sind, was auch dem von mir hier gewählten Ansatz entspricht. Jedoch gibt es Abweichungen in drei Punkten:

  • Modus: Während AT-Formen zu 60% im Indikativ stehen und zu 40% im Irrealis, gleichen sich PT-Formen und affixlose Verbformen darin, daß sie jeweils zu 80% im Indikativ auftreten.
  • Aktionsart: Während AT-Formen zu 70% bei punktuellen Verben (eine abgeschlossene Handlung bezeichnend) stehen, ist dies bei PT-Formen und affixlosen Formen nur bei rund 30%-40% der Fall.
  • Narrative Zeitachse: In der Diskurslinguistik wird zwischen Verben unterschieden, die eine Handlung in der narrativen Zeitachse bezeichnen („foregrounding“) und solchen, deren Handlung nicht auf der narrativen Zeitachse liegt („backgrounding“). Zwar ist eine  solche Einteilung bei Unterhaltungen naturgemäß schwierig, aber auch hier scheint der Trend klar: während AT-Formen nur bei 25% der Fälle auf der narrativen Zeitachse, geschieht dies bei PT-Formen und affixlosen Formen bei 40%-50%.

 Es läßt sich also festhalten, daß affixlose Formen im Grunde AT-Formen sind, die in einigen Aspekten eine geringere Transitivität aufweisen. Wichtig für den Lernenden: dies sind lediglich Tendenzen, doch die Ergebnisse deuten darauf hin, daß man als Nichtmuttersprachler die affixlosen Formen und die AT-Formen frei variieren kann. Ein Gespür für die genaueren Nuancen kann man nur durch langjährige Sprachpraxis erwerben.

Intransitive Verben auf meN-

Wie Sneddon feststellt, gibt es einige intransitive Verben auch auf meN-. Die Zahl ist bei weitem geringer als die der transitiven, aber die folgende Liste stellt nur einen Ausschnitt dar:

  • menangis  (Wurzel tangis) „weinen“
  • mendidih (Wurzel didih) „kochen“
  • menyerah (Wurzel serah) „aufgeben, kapitulieren“
  • mengungsi (Wurzel ungsi) „fliehen“
  • melapor (Wurzel lapor) „Meldung machen“
  • meledak (Wurzel ledak) „explodieren“
  • menyanyi (Wurzel nyanyi) „singen“
  • menyuruk (Wurzel suruk) „sich ducken, sich verstecken“
  • mengeluh (Wurzel keluh) „sich beschweren“
  • menelentang (Wurzel lentang) „sich auf den Rücken legen“
  • meluncur (Wurzel luncur) „rutschen“
  • menginap (Wurzel inap) „übernachten“
  • menikah (Wurzel nikah) „heiraten“
  • melompat (Wurzel lompat) „springen“

Wichtig ist, daß diese Verben in der Umgangssprache nie affixlos auftreten können. Jedoch kann auch hier das meng-Präfix gemäß den in der Umgangssprache üblichen Regeln zu ng– reduziert werden: menangis wird zu nangis, menikah zu nikah, und so fort.

Manchmal gibt es Variation bei manchen intransitiven Verben, die sowohl mit ber- als auch mit meN- stehen können, oder auch präfixlos. Bei manchen gibt es keinen Bedeutungsunterschied (Quelle Sneddons ICG):

  • bernyanyi, menyanyi „singen“
  • berderit, menderit „schreien“
  • berteduh, mendeuh „Zuflucht suchen“
  • berdengkur, mendengkur „schnarchen“
  • berbekas, membekas „eine Spur hinterlassen“
  • berdoa, mendoa „beten“
  • bersebar, menyebar „sich ausweiten“
  • berludah, meludah „spucken“

Bei manchen gibt es einen klaren Bedeutungsunterschied (Quelle Sneddons ICG):

  • tinggal „wohnen“ und meninggal „sterben“
  • pulang „nach Hause gehen“ und berpulang „sterben“
  • lari „rennen, fliehen, entkommen“ und berlari „laufen“
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ber-si-Verben

Mai 24, 2008

In diesem japanischen Blogeintrag dreht es sich um ein ganz interessantes Wort: bersimaharajalela. In einer einer Artikelserie übersetzt der Blogautor Kapitel aus der Stilfibel Membina Bahasa Indonesia Baku („Richtiges Indonesisch erlernen“) von Yus Badudu ins Japanische. Yus Badudu führt den folgenden Satz aus einer Zeitung an:

  • Jamu Jawa tradisional semakin bersimaharajaléla.

Er bemängelt, daß dieses Wort falsch gebraucht sei, denn bersimaharajalela könne nur im Zusammenhang mit Situationen gebraucht werden, denen der Sprecher negativ gegenüber steht, aber im Zeitungsartikel war eher etwas Positives gemeint. D.h. für Sätze wie den beiden folgenden (merajalela ist eine Variante mit derselben Bedeutung) wäre das Wort passend gewesen:

  • Penjahat-penjahat makin merajaléla saja di kota itu.
  • Karena angin berembus kencang, api makin merajaléla meruak ke kiri kanan membakar segala apa yang dapat dicapainya.

bersimaharajeléla/merajaléla bedeuten also im Fall von unbelebten Subjekten soviel wie „wüten, grassieren“ und im Fall von belebten Subjekten „ungehindert operieren“.

Für einen Fall wie oben wäre also eher etwas wie das folgende passend gewesen, mit tersebar „ausbreiten/verbreiten“:

  • Jamu Jawa tradisional makin tersebar.

Es gibt außerdem eine Variante bermaharajaléla, ohne si-. In dem folgenden Wahlspot zu den gerade abgehaltenen malaysischen Wahlen taucht das Wort am Ende auf:

  • Apabila pemerintah tidur, penjenayah bermaharajéla. Pada pilihanraya ini, undi untuk perubahan.

Ein paar Malaysianismen:

  • apabila „wenn“ (im Indonesischen nur im literarischen Kontext gebräuchlich)
  • penjenayah „Verbrecher“ (im Indonesischen eher penjahat).
  • pilihan raya: „Wahl“, raya „groß, wichtig“ dient dazu, pilihan, das eine Wahl im allgemeinen Sinne bezeichnen, als eine politische Wahl zu bezeichnen. (im Indonesischen pemilihan, meist noch näher bestimmt, wie pemilihan umum, was in Malaysia pilihan raya umum entspricht)
  • undi: wählen, die Stimme geben (im Indonesischen eher memilih)

Aber wenden wir uns jetzt der inneren Struktur dieses interessanten Wortes zu:

  • bersi-maharaja-léla

bersi- kann auch ber- sein, so daß also eher von ber-si- auszugehen ist. maharaja ist ein Wort aus dem Sanskrit und wurde auch ins Deutsche entlehnt, als Maharadscha „Großkönig“. In der Tat besteht aus zwei Bestandteilen, maha und raja, die jeweils mit dem lateinischen magnus und rex verwandt sind. léla bedeutet „Laune“ und wird meist in der Form selélanya „nach Belieben“ verwendet. merajaléla ist entsprechend me-raja-léla, halt ein einfacher raja anstelle eines maharaja.

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist also in etwa wie „sich nach Gutdünken wie ein Großkönig (= tyrannischer Herrscher) aufführen“. Ein Kommentator im obengenannten Blog merkt an, daß es sich bei dem Wort bersimaharajaléla nicht um eine Ableitung mit der Struktur bersi-[maharaja-léla] handele, sondern um die Struktur ber-[si-maharaja-léla]. si wird ja als Diminuitivartikel eingesetzt. D.h. dadurch wird deutlich, daß es sich nicht um einen ehrerebietigen Herrscher, sozusagen sang maharaja, handelt, sondern um jemanden, der sich einbildet, ein kleiner Herrscher zu sein, si maharaja eben.

Sneddon hat einen kurzen Abschnitt auf Verben auf ber-si-, und bemerkt, daß diese Verben in der Regel Varianten ohne si- hätten:

  • bersikeras, berkeras: (keras „hart“) beharren, bestehen (persist)
  • bersitegang, bertegang: (tegang „straff, stramm, gespannt“) ausharren, durchhalten (persevere)
  • bersikukuh, berkukuh: (kukuh „fest, beharrlich“) stur sein, beharren (be stubborn, persist)
  • bersijingkat, berjingkat: auf Zehenspitzen gehen

Die ersten drei sind ziemlich ähnlich, sie alle kommen von Adjektiven, die „hart, fest, straff“ bedeuten, mit si bezeichnen sie jeweils eine Person, die diese Eigenschaft aufweist, si keras „ein harter Kerl“, si tegang „strammer Typ“, si kukuh „Sturkopf“ (es ist nicht klar, ob diese Bezeichnungen im modernen Indonesischen tatsächlich so existieren, da gerade Spitznamen mit si ziemlich idiosynkratisch sind). Das ber- bildet dann das Verb, „sich wie ein harter Kerl verhalten“ usf. Was es mit bersijingkat auf sich hat, ist unklar, da im modernen Indonesisch jingkat keine eigenständige Bedeutung zu haben scheint.

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Verbmorphologie in der populären Umgangssprache

Mai 21, 2008

Ich hatte ja schon in einem vorherigen Eintrag den Irrglauben angeführt, daß man in der Umgangssprache einfach alle Verbaffixe weglassen würde. Das stimmt natürlich so nicht, aber die gesamte Situation ist ziemlich kompliziert, weswegen eine genaue Beschreibung den Rahmen dieses Blogs bei weitem sprengen würde. Ich werde versuchen, ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu machen.

Welches Indonesisch?

Das Problem fängt zunächst einmal damit an, um welche Sprachform es sich handeln soll. Wouk (1989, 1999) unterscheidet zwischen drei verschiedenen Sprachvarianten, die weder in einem Diglossie-Verhältnis zueinander stehen noch in einer regelmäßigen Codeswitching-Situation. Die von Wouk unterschiedenen Varianten im einzelnen:

  • Standardindonesisch (SI): Die auf einer Variante des Hochmalaiischen basierende offizielle Amtssprache, die Gegenstand der Sprachplanung von Amts wegen ist. Es ist die Sprache, die im ganzen Land in den Schulen und Universitäten verwendet wird, und eine riesige Menge an Zweitsprachenlernen aufweist, die als Muttersprache eine von hunderten Regionalsprachen haben. Sie ist beeinflußt worden duch Sprecher des Betwai einerseits und des Javanischen andererseits, deren Sprecher die bevölkerungsstärkste und politisch mächtigste Gruppe in Indonesien darstellen. Von Sneddon (2006) FI (Formales Indonesisch) genannt.
  • Betawi: der Dialekt des Malaiischen, der sich seit der Zeit der Vereenigde Oostindische Compagnie im damaligen Batavia, jetzt Jakarta, entwickelt hat. Aus dem Völkergemisch der Holländerzeit entstand eine neue Volksgruppe, die anak Betawi, die sich des Malaiischen als lingua franca bediente. Betawi wird bis heute noch in Jakarta gesprochen, vor allem von den Angehörigen der Unterschicht.
  • Gesprochenes Jakarta-Indonesisch (SJI, Spoken Jakarta Indonesian). Diese Variante wird in Wouk 1989 als eigenständige Variante vorgeschlagen. Es handelt sich bei den Sprechern um eine Gruppe, die entweder ausschließlich Indonesisch spricht oder weitaus besser Indonesisch als eine Regionalsprache. Eine solche Situation ist typischerweise in gemischten Ehen zu beobachten, welche in städtischen Großräumen, die Menschen aus allen Teilen des Landes anziehen, eher anzutreffen sind als anderswo, so daß Sprecher des SJI typischerweise Angehörige der Mittelschicht in städtischen Gebieten sind, allen voran im Großraum Jakarta. Während üblicherweise die Situation gebildeter Sprecher in Indonesien so ist, daß sie sich in formalen Situationen des Standardindonesischen bedienen,und in informellen Situationen der jeweiligen Regionalsprache, ist es bei dieser Gruppe so, daß sie auch in informellen Situationen aufs Indonesische zurückgreifen. Gegen die Annahme, daß diese Sprecher sich in informellen Situation aufs Betwai zurückgreifen, also eine Diglossie mit Standardindonesisch in formalen Situationen und Betwai in nichtformalen, wendet sich Wouk und führt dabei an, daß in der Sprache von Betawi-Sprechern und SJI-Sprechern klare Unterschiede in den verschiedenen Registern zu finden seien. Ewing 2005 scheint sich gegen diese Sichtweise zu wenden, da dort das „colloquial Indonesian“ als „social style“ denn als Sprachvariante bezeichnet wird.

In diesem Blog hatte ich ursprünglich versucht, die Begriffe Umgangssprache und populäre Umgangssprache auseinanderzuhalten, wobei mit dem ersteren eher eine Umgangssprache im Sinne des Standardindonesischen und mit dem letzteren eher etwas im Sinne des Jakartaindonesischen gemeint war („populär“ in dem Sinne, da dies die Sprache der Unterhaltungsserien im Fernsehen ist). Im nachhinein betrachtet, scheint es so zu sein, daß ich jeden Eintrag, der in irgendeiner Hinsicht sich mit der Umgangssprache beschäftigt, unter der Kategorie „Umgangssprache“ abgelegt habe, und das, was darüberhinaus einen besonderen Bezug zum Jakartaindonesischen aufweist, zusätzlich noch unter „Jakarta“. (Fall ein Eintrag exklusiv zum Betawi handeln würde, könnte ich u.U. auf die Kategorisierung unter „Umgangssprache“ verzichten.) Die Übergänge sind auch ziemlich fließend, mit zahlreichen Überlappungen, so daß ich das wohl so fortführen werde.

Kurzübersicht über die Verbformen

Wouk (1989, 1999) hat für die drei angenommen Sprachvarianten die folgenden Unterschiede in der Verbmorphologie festgestellt. Dieser Teil soll nur die Kategorien erläutern, die Formen werden im Detail im zweiten Teil beschrieben.

  • intransitive Verben werden in der Regel durch ber- markiert, wie z.B. berjalan „gehen“. Einige wenige Verben auch durch meng-, wie z.B. menangis „weinen“. Diese zwei Gruppen unterscheidet Wouk als „statische“ und „aktivische“ Verben. (be- und ng- sind Formen, die Varianten von ber- und meng- sind, mehr dazu im zweiten Teil).
  • transitive Verben werden durch meng- markiert. Diese können im Passiv mit di- stehen (da dies für alle drei Varianten der Fall ist, habe ich der Übersichtlichkeit der Tabelle wegen di- weggelassen).
  • Manche transitive Verben stehen zudem noch mit einem weiteren Suffix, entweder -i oder -kan, ersteres meist mit Empfängern oder Orten als Objekt, letzeres mit den Nutznießern einer Handlung, oder mit einem Objekt, das zu einer Handlung veranlaßt wird. Betawi verwendet statt dessen -in für beides.
  • Es gibt eine Verbform, die ausdrückt, daß dem Subjekt die Absicht fehlt, die Handlung auszuführen, die durch das Verb ausgedrückt wird, das Subjekt also die Handlung versehentlich begangen hat, oder Opfer dieser Handlung geworden ist. (Manchmal kann es auch eine Potentialform sein). Im Standardindonesischen gibt es ter- und ke-an in dieser Funktion, obwohl es Grund zur Annahme gibt, daß ke-an im modernen Malaiischen nicht mehr produktiv war und durch den Einfluß des Javanischen, wo es eine häufig vorkommende Form ist, wieder an Bedeutung gewonnen hat. Im SJI gibt es nun auch ke-, welches auch im Javanischen vorhanden ist, allerdings auch im Betawi, weswegen hier der Nachweis schwierig ist, ob dies eine Übernahme aus dem Javanischen sein könnte.

SI

JI

Betawi

Intransitiv

 

 

 

Statisch

Aktivisch

ber

meng

ber, 0

meng, ng, 0

be, 0

ng, 0

Transitiv

 

 

 

Präfixe

Suffixe

meng

i, kan

meng, ng, 0

i, kan, in

ng, 0

in

Non-volitional

ter, ke-an

ter, ke-an, ke

ke-an, ke

 


Haben ber-Verben Objekte?

April 22, 2008

Wir hatten ja schon mal die Frage aufgeworfen, ob es ber-Verben mit direkten Objekten gibt.

Worum es nicht geht

Zunächst ein paar Bemerkungen zu ber-Verben, die nur scheinbar ein Objekt aufweisen. Zum einen gibt es ber-Verben, die sich auf eine selbsgerichtete Handlung beziehen und daher mit diri „selbst“ stehen können:

  • berdiam (diri) „schweigen“
  • berjemur (diri) „sonnenbaden, sich sonnen“
  • berhias (diri) „sich anziehen, sich zurechtmachen“

Sie müssen auch von den Fällen unterschieden werden, wo ber- eine Ableitung von einer Nominalphrase bewirkt. Hat das Kopfnomen ein Attribut, wird dieses mit abgeleitet, was dann zum Eindruck führt, daß ein ber-Verb ein Komplement hätte:

bersépatu „Schuhe tragen“ ist von sépatu „Schuh“ ableitet. Nun gibt es bersépatu hitam „schwarze Schuhe tragen“. hitam steht hier nicht als Komplement zu bersépatu, sondern vielmehr ber- steht für eine Ableitung von sépatu hitam „schwarze Schuhe“. D.h. die Grenzen können so gezogen werden: ber[sépatu hitam] und nicht [bersépatu] hitam.

Verben mit obyék non pasif

Sneddon (61, 266f) spricht von „those that take a complement“, und laut diesem Blogeintrag (J) nennen einige indonesische Sprachwissenschaftler das „obyék non pasif“. Zunächst ein paar Beispiele hierzu:

  • belajar bahasa Indonésia „Indonesisch lernen“
  • berbicara bahasa Jépang „Japanisch sprechen“
  • beternak ayam „Hühner züchten“
  • bermain olah raga „Sport treiben“
  • berpakaian piyama „Pyjama tragen“
  • bernyanyi lagu „ein Lied singen“
  • berisi air „Wasser enthalten“
  • berpindah tempat „den Ort wechseln“
  • berdagang barang-barang berharga „mit Wertgegenständen handeln“
  • berumur delapan tahun „18 Jahre alt sein“
  • bernama Idrus „Idrus heißen“
  • bertanam jagung „Mais anbauen“
  • berburu rusa „Rotwild jagen“
  • berjual ikan „Fisch verkaufen“

Alle obengenannten Verben ist gemein, daß die Objekte ein generisches Objekt bezeichnen, d.h. sie beziehen sich nicht auf eine spezifische Sache: bertanam jagung bezieht sich nicht auf eine bestimmte Maispflanze, und berburu rusa nicht auf ein bestimmtes Reh. Falls man sich auf etwas Bestimmtes beziehen will, muß man ein meng-Verb verwenden: menaman jagung (itu) „diese Maispflanze hier anbauen“ und memburu rusa (itu) „dieses Reh jagen“. (bernama Idrus könnte allerdings eher eine Ableitung von der Nominalphrase nama Idrus „der Name Idrus“, wie im vorherigen Abschnitt angesprochen, sein.)

Als Sonderfall gewissermaßen mag bertukar „(aus)wechseln, (aus)tauschen“ gelten, das mit einem Objekt stehen muß, welches jedoch in der Regel auch generisch ist:

  • Selama dua jam meréka duduk bertukar pendapat. „Zwei Stunden saßen sie und tauschten sich über ihre Meinung aus“ (LDTI)

Es gibt noch einige andere intransitive Verben, die mit einem Nominalkomplement stehen können:

  • menjadi présiden „Präsident werden“
  • punya uang „Geld haben“
  • suka kopi „Kaffee mögen“
  • mau téh „Tee wollen“
  • tahu hal itu „diese Sache wissen“
  • merangkap menteri keuangan „gleichzeitig Finanzminister sein“
  • menyangkut masalah politik „mit politischen Angelengeheiten zu tun haben“

Nicht alle diese Verben sind vergleichbar mit den obengenannten ber-Verben, z.B. steht suka auch mit Präpositionalkomplement.

Schließlich können ein paar intransitive Verben ein bahwa-Komplement haben:

  • berharap „hoffen“
  • berkata „sagen“
  • berpikir „denken“
  • berpendapat, beranggapan „meinen“
  • sadar „bewußt sein“
  • lupa „vergessen“
  • ingat „erinnern“

Im Gegensatz zum Deutschen können diese Verben kein Nominalkomplement haben.

  • Dia berkata bahwa ibunya sakit. Er sagt, daß seine Mutter krank sei. (LDTI)

Keine transitiven Verben?

Daß diese Verben dennoch als intransitiv angesehen werden, liegt also zum einen daran, daß die Nominalphrase allenfalls ein generisches Objekt darstellt, was in vielen Sprachen der Welt zu einer reduzierten Transitivität führt. Zum anderen kann man als syntaktischen Nachweis anführen, daß diese Konstruktion nicht im Passivfokus oder in einer Passivkonstruktion stehen kann.


Nominalklassifikatoren (Teil 2)

April 4, 2008

Im ersten Teil ging es um die Nominalklassifikatoren. Im zweiten Teil soll es um die Kollektivwörter gehen, mit denen sie häufig verwechselt werden.

Dann gibt es noch eine Art von Kollektivwort, von Sneddon Partitives bezeichnet, die ähnlich wie im Deutschen auch verwendet werden (und häufig mit Klassifikatoren verwechselt werden; Macdonald & Soenjono gruppieren die zwei Arten zusammen). Der Unterschied ist, daß sich Klassifikatoren auf eine (wahrgenommene) intrinsische Eigenschaft beziehen, während die Partitive sich darauf beziehen, wie bestimmte Gegenstände gruppiert werden. Ein Beispiel: rokok „Zigarette“ wird kombiniert mit dem Klassifikator batang:

  • Dia mengisap dua batang rokok. „Er rauchte zwei Zigaretten“.

Die Bedeutung ändert sich nicht, wenn man den Klassifikator wegläßt:

  • Dia mengisap dua rokok. „Er rauchte zwei Zigaretten“

Zum Vergleich das Kollektivwort bungkus „Packung“:

  • Dia mengisap dua bungkus rokok. „Er rauchte zwei Packungen Zigaretten“

Man kann hier nicht bungkus weglassen, ohne die Bedeutung zu verändern. Jedes Nomen, das irgendeine Art von Behältnis bezeichnet, kann so verwendet werden. Ein paar Beispiele aus Sneddon sowie Macdonald & Soenjono:

  • bakul „Korb“: tiga bakul beras „drei Korb Reis“
  • botol „Flasche“: sebotol bir „eine Flasche Bier“
  • catuk „ein Löffel voll, eine halbe Kokosnuß voll“
  • genggam „Handvoll“: beberapa genggam nasi „mehrere Handvoll Reis“
  • piring „Teller“: sepiring nasi „ein Teller Reis“
  • séndok „Löffel“: dua séndok gula „zwei Löffel Zucker“
  • truk „Lastwagen“: dua truk pasir „zwei Lkwladungen Sand“

Dann gibt es einige Kollektivwörter, die sich auf Anhäufungen natürlicher und künstlicher Natur beziehen, oder auf sonstige Gruppierungen und auch Teilstücke:

  • bulir „Ähre“: sebulir padi „eine Ähre Reis“
  • cekak „Prise“
  • gugus „Haufen“: segugus bintang „ein Sternhaufen“
  • gumpal „Klumpen“: segumpal tanah „ein Klumpen Erde“
  • iris „Stück“: dua iris mangga „zwei Stück Mango“
  • jenis „Art, Sorte“: sejenis burung „eine Vogelart“
  • kawan „Herde, Rotte, Rudel“: sekawan gajah: „eine Herde Elefanten“
  • keping: („Span“): Teilstücke, flache Gegenstände, (Pflanzen-)Blätter: sekeping kayu „ein Holzsplitter“
  • macam „Art, Sorte, Typ“: semacam senjata „ein Waffentyp“
  • miang „Gran, Tropfen“
  • potong „Stück“: sepotong roti „ein Stück Brot“
  • rombongan „Gruppe“: serompongan gubernur „eine Gruppe von Gouverneuren“
  • sikat („Pinsel“): „Handvoll, Bündel“: dua sikat pisang „zwei Bündel Bananen“
  • tandan („Hand“): „Bündel“: setandan pisang „ein Bündel Bananen“
  • tétés „Tropfen“: setétés darah „ein Tropfen Blut“
  • timbun „Stapel, Haufen“: lima timbun pasir „fünf Haufen Sand“

Einige dieser Partitive haben Varianten auf -an: sedérét rumah und dérétan rumah „eine Häuserreihe“. Nur die Form auf -an können allein als Kopf einer Nominalphrase stehen und bestimmt sein: dérétan itu „diese Reihe“. (Allerdings habe ich den Eindruck, daß dies nur für Kollektivwörter gilt, die tatsächlich auch die entsprechende -an-Variante aufweisen.)
Zuguterletzt können auch Maßeinheiten als Partitive verwendet werden, sowohl metrische wie liter, méter, kilo, héktar und ton sowie nichtmetrische wie kodi (20, normalerweise beim Tuchkauf verwendet), depa „Faden“ und hasta „Elle“.


Vom Nomen zur Präposition: hasil und soal

Februar 27, 2008

In einem Artikel der BBC Indonesia zum Anschlag auf den Präsidenten von Osttimor stand folgender Satz zur Reaktion der australischen Regierung:

„Pemerintah ini akan berdiri tegak bersama pemerintahan hasil pemilihan démokratis Timor Leste pada saat krisis ini,“ kata Perdana Menteri Australia Kevin Rudd.

Es stellte sich die Frage, was für eine Struktur hat pemerintahan hasil pemilihan démokratis Timor Leste? Klar ist, daß es sich um so etwas wie „demokratisch gewählte Regierung Osttimors“ handeln muß. Aber was für eine Funktion hat hasil „Frucht, Ergebnis“ hier? Regierung, die das Ergebnis demokratischer Wahlen ist. Da würde man aber ein yang vermissen. Genauso, wenn hasil hier als Adjektiv oder Verb zu verstehen wäre, aber dann würde man eh noch eine Präposition erwarten. Normalerweise ist die hierfür verwendete Form berhasil und wird folgendermaßen verwendet:

  • télékomunikasi yang cepat dan berhasil guna.
  • ia berhasil memperoléh gelar.
  • Setelah semua berhasil di install, secara remote semua berjalan dengan lancar.

Man sieht: entweder es bildet eine Kollokation mit der Bedeutung „nützlich“ zusammen mit guna, es steht konjunktionslos vor einem anderen Verb, oder mit Konjuktion vor einem Nomen.

Alles wurde schlagartig klar bei einem ähnlichen Problem, mit einem anderen Nomen, und das sogar im selben Artikel:

Éditor Asia Timur BBC Andre Vornic mengatakan tindak kekerasan dan upaya pembunuhan memunculkan keraguan soal keberhasilan upaya membangun bangsa di Timor Leste.

Hier wird das Wort soal „Problem“ auf ähnliche Weise verwendet. „die Zweifel des Problems des Erfolgs der Bemühungen zum Aufbau der Nation Osttimor“ ergibt keinen Sinn. Wohl aber, wenn man soal als Präposition mit der Bedeutung „über“ auffaßt.

Und genauso ist auch hasil aufzufassen, als Präposition, die es so im Deutschen nicht gibt, in etwa mit der Bedeutung „herrührend von“. Weitere Beispiele sind makalah hasil penelitian „Forschungsartikel“ und pidato Kennedy soal rencana kerjanya „Rede Kennedys über sein Regierungsprogramm.

Da dies in mir zugänglichen Wörterbüchern zumindest nicht verzeichnet ist, hat man Grund zur Annahme, daß es sich hier um eine gerade im Verlauf befindliche Grammatikalisierung handeln könnte.

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