Notizen zur Umgangssprache 6: Diathesen

Wie genau die Diathesen im Indonesischen funktionieren, ist in der Sprachwissenschaft eine umstrittene Frage. Aufsätze wie Chung (1976) und verschiedene Beiträge in Wouk & Ross (2002) stellen nur eine kleine Auswahl von Positionen dar (Wohlgemuth 2003 beschreibt die Diskussion in deutscher Sprache).  Traditionell werden für das Indonesische zwei Passivtypen unterschieden, das di-Passiv und das 0-Passiv:

  • beim di-Passiv ist das Verb mit di- markiert, und der Urheber folgt dem Verb, optional markiert durch oléh: Aku dilihat oléh dia. Ich wurde von ihm gesehen.
  • beim 0-Passiv geht dem präfixlosen Verbstamm eine enklitische, typischerweise pronominale Urheberphrase voraus: Buku ini kubaca. Dieses Buch wurde von mir gelesen.

Einige Sprachwissenschaftler vertreten nun die Ansicht, daß nur das di-Passiv ein Passiv darstellt, während das sogenannte 0-Passiv ein Patiensfokus sei. Wieder andere sagen, daß das Indonesische weder Aktiv noch Passiv kenne und die Präfixe vielmehr semantische Bedeutung aufwiesen.  Sneddon folgt der von beiden Seiten kritisierten traditionellen Ansicht.  An dieser Stelle will ich jedoch nicht weiter auf die Diskussion eingehen und mich darauf beschränken, die Position von Sneddon in ICG zur Standardsprache und in CJI zur Umgangssprache beschreibend wiederzugeben.

Für die Standardsprache nimmt Sneddon an, daß sie gewissen Beschränkungen unterliegen:

  • das di-Passiv kann nur mit Urhebern der dritten Person stehen.
  • das 0-Passiv kann nur mit pronominalen Urhebern stehen.

Pronominale Urheber in der dritten Person wären demnach die einzigen Fälle, bei denen beide Passive zum Einsatz kommen könnten:

(1a) Buku sejarah ini dibacanya.

(1b) Buku sejarah ini dia baca.

„Dieses Geschichtsbuch wurde von ihm gelesen.“

In der Umgangssprache gelten diese Beschränkungen nicht:

  • Beim di-Passiv kann demnach auch ein Urheber in der ersten Person stehen, Urheber der zweiten Person traten bei Sneddon nicht auf. Außerdem wird der Urheber statt oléh in der Regel durch (s)ama markiert.
  • Beim 0-Passiv kann auch ein nicht-pronominal gebrauchter Name als Urheber stehen.

(2) meréka dibantu sama kita juga loh.

Ihnen wurde auch von uns geholfen.

(3) kalo elu yang beli harga nggak akan sama dengan yang Ronny atau Anyun ambil.

Wenn du derjenige bist, der einkauft, wird der Preis nicht derselbe sein, den Ronny oder Anyun bekommen.

Ein möglicher Kritikpunkt an dieser Unterscheidung ist wiederum die Tatsache, daß die Grenzen zwischen der Standardsprache und der Umgangssprache fließend sind und es daher unklar ist, wie real diese Beschränkungen sind. Klar ist jedoch, daß viele Sprachwissenschaftler bei der Beschreibung der wie auch immer genanten Passivformen eine Distribution der Formen annehmen, wei sie Sneddon für die Umgangssprache beschreibt.

Weitere Unterschiede, die Sneddon für die Umgangssprache beschreibt:

  • in der Umgangssprache muß beim 0-Passiv nicht zwingend das Hauptverb dem Klitikon folgen, es kann auch ein präverbales Element wie ein Negator oder ein Hilfsverb dazwischentreten: Ini yang meréka tidak pikirkan. „Dies ist, was sie nicht bedacht haben“ und Ini yang kita mau angkat. „Dies ist, was wir anheben werden.“  Anzumerken ist, daß solche Fälle von Wouk (2004a) nicht mehr als 0-Passiv angesehen werden, sondern als präfixlose Aktivform. Sneddon merkt später an, daß in einigen Fällen präfixlose Aktivformen und 0-Passivformen nicht formal unterscheidbar sind.
  • Manche in der Standardsprache intransitive Verben können als 0-Passiv in der Umgangssprache verwendet werden: mau/mo „wollen„, tau „wissen“ und suka „mögen“: Céwék-céwék di Atma gua suka karena banyak yang cantik. „Ich mag die Mädels von der Atma-Universität, weil viele von ihnen hübsch sind.“
  • Auch einige Adjektive wie kecéwa „enttäuscht“ und sebel „verärgert“ können in Passivkonstruktionen auftreten, wo in der Standardsprache durch meng- -kan zum Verb abgleitete Formen erwartet würden. Kayak gitu yang gua sebel. „Solche Sachen sind, worüber ich enttäuscht bin.“
  • Für das di-Passiv merkt Sneddon an, daß in allen Genres, die Gegenstand der Untersuchung in CJI waren, die Konstruktion in 85%-93% der Fälle ohne expliziten Urheber stand. Insgesamt gilt auch, daß das Passiv viel häufiger vorkommt, als es z.B. im Englischen der Fall wäre. Dies ist eine typische Eigenschaft von austronesischen Sprachen.

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