Präfixlose Verben

Mai 31, 2009

Wir wollen uns nun einem wichtigen Phänomen der Umgangssprache widmen, dem der präfixlosen Verben. Hierbei gibt es drei verschiedene Arten: Verben, die stets ohne Präfix auftreten (sog. kata aus), intransitive Verben, die in der Standardsprache normalerweise mit dem Präfix ber- stehen, und transitive Verben, die in der Standardsprache normalerweise mit dem Präfix meng- stehen. Um zu verstehen, wie diese Verben in der Umgangssprache verwendet werden, müssen wir auf dem aufbauen, was in der Standardsprache üblich ist.

kata aus

Einige häufig verwendete Verben stehen stets ohne Präfix. Sneddon listet die folgenden Verben (als Auswahl!) auf:

  • bangun „aufwachen“
  • benci „hassen“
  • cinta „lieben
  • datang „kommen“
  • duduk „sitzen“
  • gagal „scheitern“
  • hidup „leben“
  • ikut „folgen“
  • ingat „erinnern“
  • jatuh „fallen“
  • kembali „zurückkommen“
  • lenyap „verschwinden“
  • lulus „(Prüfung o.ä.) bestehen“
  • lupa „vergessen“
  • mandi „waschen“
  • masuk „betreten, hineingehen“
  • mati „sterben“
  • menang „gewinnen“
  • mulai „beginnen“
  • percaya „glauben“
  • pergi „gehen“
  • pindah „umziehen“
  • pulang „nach Hause gehen“
  • selesai „enden“
  • tahu „wissen“
  • tenggelam „sinken“
  • terbang „fliegen“
  • tiba „ankommen“
  • tidur „schlafen“

Diese Verben sind sämtlich intransitiv und stehen immer ohne Präfix. Man beachte, daß manche transitive Verben mit entsprechender Affigierung bilden können, z.B. menidurkan „zu Bett bringen“ von tidur „schlafen“, oder mencintai „lieben“ von cinta „lieben“.

intransitive Verben auf ber-

Die weitaus größte Anzahl von intransitiven Verben tritt mit dem ber-Präfix auf, das auch äußerst produktiv Verben von Nomen ableitet. In der Umgangssprache kann es laut Sneddons CJI bei einigen wenigen Verben weggelassen werden, wie z.B. bei (ber)jalan „gehen“, (be)kerja „arbeiten“ (ber)tanya „fragen“, (ber)pikir „denken“ und (ber)bicara „sprechen“. Diese Verben treten in der Umgangssprache mehrheitlich präfixlos auf, d.h. in der Umgangssprache sind sie zu den kata aus zu rechnen. (Eine weitere Kategorie sind ber- -an-Verben mit reziprokaler Bedeutung, bei denen in der Umgangssprache durchweg das ber- entfällt, was jedoch an anderer Stelle diskutiert wird.)

Ansonsten ist laut Sneddon dieses Präfix auch in der Umgangsprache recht häufig, wobei es selten zu be- reduziert werden kann, was einen Einfluß des Betawi darstellt: kita bedua „wir zwei“, bedarah „bluten“ und becanda „scherzen“. (In bekerja ist eine in der Standardsprache regelmäßige Reduktion aufgrund des /r/ in der Wurzel)

transitive Verben auf meng-

Mit einigen häufigen Verben kann auch in der Standardsprache Ausfall des Präfix eintreten, zu nennen wären hier makan, minum, minta, mohon. Teilweise gibt es auch Bedeutungsunterschiede: während dapat sowohl „können“ als auch  „bekommen“ bedeuten kann, hat die präfigierte Form mendapat nur die Bedeutung „bekommen“. Eine weitere Ausnahme stellt das Verb mengerti dar. Ursprünglich kommt dies von der Wurzel arti „Bedeutung“, aber das Präfix meng- scheint als Teil der Wurzel reanalysiert worden zu sein, denn in der Passivform fällt dies in der Regel nicht aus, so daß wir Formen wie dimengerti „verstanden werden“ vorfinden.

In der Umgangssprache steht in der Regel anstelle des meng-Präfix eine reduzierte Form ng-. Wie wir schon festgestellt haben, sind aber die Grenzen zwischen Umgangssprache und Standardsprache fließend, so daß Sprecher auch zwischen meng- und ng-Präfix hin- und herwechseln.Wouk (2004)  hat die Formen mit meN– und N– verglichen und kommt zum Schluß, daß neben einem Unterschied an Formalität meng-Formen einen geringeren Grad an Transitivität aufzuweisen scheinen als die ng-Formen.

Gleichzeitig ist es in der Umgangssprache sehr häufig, daß transitive Verben ganz ohne Präfix auftreten. Dies ist aber nicht komplementär wie bei ber-, sondern als ein Nebeneinander zu verstehen.  Wouk (2004a) vergleicht präfigierte und unpräfigierte transitive Verben. Die folgenden Formen wurden hier verglichen

  • die klar mit meN- oder N- markierten Verbformen wurden als actor trigger (AT) definiert
  • die klar mit di- markierten Formen und die Verbformen, die direkt ein enklitisches Pronomen aufweisen (kukontrak / saya kontrak „von mir gemietet“), wurden als patient trigger (PT) definiert.
  • alle affixlosen Verbformen, deren synktaktische und diskursivische Eigenschaften mit denen von AT und PT verglichen wurden.

Im großen und ganzen kommt Wouk (2004a) zum Schluß, daß die affixlosen Verbformen sich eher wie AT-Formen verhalten und daher als Variante von diesen zu sehen sind, was auch dem von mir hier gewählten Ansatz entspricht. Jedoch gibt es Abweichungen in drei Punkten:

  • Modus: Während AT-Formen zu 60% im Indikativ stehen und zu 40% im Irrealis, gleichen sich PT-Formen und affixlose Verbformen darin, daß sie jeweils zu 80% im Indikativ auftreten.
  • Aktionsart: Während AT-Formen zu 70% bei punktuellen Verben (eine abgeschlossene Handlung bezeichnend) stehen, ist dies bei PT-Formen und affixlosen Formen nur bei rund 30%-40% der Fall.
  • Narrative Zeitachse: In der Diskurslinguistik wird zwischen Verben unterschieden, die eine Handlung in der narrativen Zeitachse bezeichnen („foregrounding“) und solchen, deren Handlung nicht auf der narrativen Zeitachse liegt („backgrounding“). Zwar ist eine  solche Einteilung bei Unterhaltungen naturgemäß schwierig, aber auch hier scheint der Trend klar: während AT-Formen nur bei 25% der Fälle auf der narrativen Zeitachse, geschieht dies bei PT-Formen und affixlosen Formen bei 40%-50%.

 Es läßt sich also festhalten, daß affixlose Formen im Grunde AT-Formen sind, die in einigen Aspekten eine geringere Transitivität aufweisen. Wichtig für den Lernenden: dies sind lediglich Tendenzen, doch die Ergebnisse deuten darauf hin, daß man als Nichtmuttersprachler die affixlosen Formen und die AT-Formen frei variieren kann. Ein Gespür für die genaueren Nuancen kann man nur durch langjährige Sprachpraxis erwerben.

Intransitive Verben auf meN-

Wie Sneddon feststellt, gibt es einige intransitive Verben auch auf meN-. Die Zahl ist bei weitem geringer als die der transitiven, aber die folgende Liste stellt nur einen Ausschnitt dar:

  • menangis  (Wurzel tangis) „weinen“
  • mendidih (Wurzel didih) „kochen“
  • menyerah (Wurzel serah) „aufgeben, kapitulieren“
  • mengungsi (Wurzel ungsi) „fliehen“
  • melapor (Wurzel lapor) „Meldung machen“
  • meledak (Wurzel ledak) „explodieren“
  • menyanyi (Wurzel nyanyi) „singen“
  • menyuruk (Wurzel suruk) „sich ducken, sich verstecken“
  • mengeluh (Wurzel keluh) „sich beschweren“
  • menelentang (Wurzel lentang) „sich auf den Rücken legen“
  • meluncur (Wurzel luncur) „rutschen“
  • menginap (Wurzel inap) „übernachten“
  • menikah (Wurzel nikah) „heiraten“
  • melompat (Wurzel lompat) „springen“

Wichtig ist, daß diese Verben in der Umgangssprache nie affixlos auftreten können. Jedoch kann auch hier das meng-Präfix gemäß den in der Umgangssprache üblichen Regeln zu ng– reduziert werden: menangis wird zu nangis, menikah zu nikah, und so fort.

Manchmal gibt es Variation bei manchen intransitiven Verben, die sowohl mit ber- als auch mit meN- stehen können, oder auch präfixlos. Bei manchen gibt es keinen Bedeutungsunterschied (Quelle Sneddons ICG):

  • bernyanyi, menyanyi „singen“
  • berderit, menderit „schreien“
  • berteduh, mendeuh „Zuflucht suchen“
  • berdengkur, mendengkur „schnarchen“
  • berbekas, membekas „eine Spur hinterlassen“
  • berdoa, mendoa „beten“
  • bersebar, menyebar „sich ausweiten“
  • berludah, meludah „spucken“

Bei manchen gibt es einen klaren Bedeutungsunterschied (Quelle Sneddons ICG):

  • tinggal „wohnen“ und meninggal „sterben“
  • pulang „nach Hause gehen“ und berpulang „sterben“
  • lari „rennen, fliehen, entkommen“ und berlari „laufen“
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Das meng-Präfix in der Umgangssprache

Mai 27, 2009

In einem früheren Beitrag war davon die Rede, wie das meng-Präfix in der Standardsprache funktioniert. Nun wollen wir uns ansehen, wie dies in der Umgangssprache aussieht. Ich möchte mich bei der Beschreibung jedoch auf den Kernwortschatz beschränken, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Ich habe an anderer Stelle bemerkt, daß der Unterschied zwischen der informellen Umgangssprache und der formalen Standardsprache fließend sind. Gerade gebildete Sprecher neigen dazu, den Grad der Formalität der jeweiligen Situation anzupassen. Fremdwörter gehören typischerweise einem formalen Register an, so daß man hier problemlos den Regeln der Standardsprache folgen kann.
  • Angesichts der geringen Anzahl von Beschreibungen der informellen Umgangssprache fehlen gute linguistische Beschreibungen, die Verben aus dem Fremdwortschaft abdecken. Google liefert bei einzelnen Verben Hinweise, daß wie beim Standardwortschaft bei einigen häufig gebrauchten Verben eine entsprechende Anpassung auch hier zu erwarten ist, aber genauere Untersuchungen stehen hier noch aus.

In der Standardsprache tritt das meng-Präfix in drei Allomorphen auf: meng-, meN- und me-:

  1. meng-: Bei Wurzeln, die mit Vokal oder h (h wird häufig in der Phonetik als Pseudofrikativ bezeichnet, da in der Regel keine Friktion vorliegt) bleibt meng– so, wie es ist.
  2. Assimilation von meng-: Bei Wurzeln, die mit einem Obstruenten (p, t, k, b, d, g, s, c, j) beginnen, tritt Assimilation an den Artikulationsort ein, mit gleichzeitigem Ausfall von stimmlosen Obstruenten mit Ausnahme von c, während stimmhafte Obstruenten (und c) erhalten bleiben.
  3. me-: Bei allen Sonoranten (m, n, ng, ny, l, r) wird meng- zu me-.

In der Umgangssprache kann man auch nicht mehr vom meng-Präfix sprechen, sondern eher vom ng-Präfix, da me- regelmäßig wegfällt. Das Präfix tritt in drei bis vier Allomorphen auf, die anders verteilt sind als die der Standardsprache:

  1. Assimilation von ng- mit Ausfall: bei stimmlosen Obstruenten (p, t, k, s, c) tritt genauso wie in der Standardsprache eine Assimilation der Anfangslautes der Wurzel ein, bei gleichzeitigem Ausfall derselben, d.h. effektiv wird nur der Anfangslaut zum Nasal mit gleichem Artikulationsort. D.h. pake „benutzen“ wird zu make, tulis „schreiben“ zu nuliskirim „senden“ zu ngirim, suruh „veranlassen“ zu nyuruh. Anders als in der Standardsprache stellt /c/ hierbei keine Ausnahme dar: cari „suchen“ wird ganz regelmäßig zu nyari.
  2. Assimilation von ng- ohne Ausfall: bei den stimmhaften Obstruenten (b, d, g, j) gibt es einige Sprecher, die ebenfalls das Präfix entsprechend assimilieren, und den Obstruenten beibehalten. Beispielsweise wird bayar „bezahlen“ zu mbayar, dukung „unterstützen“ zu ndukunggonggong „bellen“ zu nggonggong und jemput „abholen“ zu njemput. Dies entspricht den Gegebenheiten im Javanischen und tritt vor allem bei älteren Sprechern mit javanischen Hintergrund auf. Selbst bei diesen Sprechern scheint dies jedoch seltener aufzutreteden als die allgemein übliche Variante, nämlich nge-, welches weiter unten besprochen wird.
  3. ø-: vor Nasalen steht in der Regel eine Nullform, obwohl Sneddons CJI zwei Verben auf /n-/ erwähnt, die auch mit nge- belegt sind: nge-noda-in „beflecken“ von noda und nge-nilai „bewerten“ von nilai. In der Regel findet man jedoch Formen wie mainin „spielen“, nikmati „genießen“, nyanyi „singen“ usw.
  4. nge-: kann vor allen anderen Konsonanten stehen, mit Ausnahme von /p, t, k, s, c/. Bei /l, r, h, y/ ist es die einzig mögliche Form:  liat  „sehen“ wird zu ngeliatrasa „fühlen“ zu ngerasa, hancur-in „vernichten“ zu ngehancurin, yakin-in „überzeugen“ zu ngeyakinin*. Bei /b, d, g, j/ ist es die häufigere Form, die unter 2. genannten Beispiele wären entsprechend ngebayar „bezahlen“, ngedukung „unterstützen“, ngegonggong „bellen“ und ngejemput „abholen“. Bei den Nasalen /m, n, ng, ny/ ist es eher üblich, daß eine Nullform bzw. gar kein Präfix steht. Bei Vokalen steht ng-, wobei in der Umgangssprache zu beachten ist, daß wortinitiales /h-/ sehr oft ausfällt und dieselbe Regel zur Anwendung kommt. Beispiele: ajar „lehren“ wird zu ngajar, erti „verstehen“ wird zu ngerti**,  und das oben angeführte hancur-in „vernichten“ kann bei Ausfall von /h/ entsprechend ngancurin.

Zwei weitere Anmerkungen: anders als in der Standardsprache unterliegt auch das Präfix per- dem Ausfall, d.h. während es in der Standardsprache memperhatikan „beachten“ heißt, ist es in der Umgangssprache merhatiin. Es sollte aber beachtet werden, daß kausativisches -kan in der Umgangssprache häufig durch eine periphrastische Konstruktion mit kasih „geben“ ersetzt wird, was wir aber ebenfalls an andere Stelle besprechen wollen.

Die zweite Anmerkung bezieht sich auf den Einsatz von nge-, ähnlich menge- in der Standardsprache, bei einsilbigen Verbwurzeln, Wurzeln mit Konsonsantenclustern und bei als fremd empfunden Wurzeln:

  1. ngepak „packen“, ngetés „testen“, ngecék „prüfen“. Da einsilbige Wurzeln dem Malaiischen fremd sind, handelt e ssich in der Regel um Lehnwörter.
  2.  ngetrénd „zum Trend werden“, ngestabilin „stabilisieren“. Auch hier gilt: da wortinitiale Konsonantencluster dem Malaiischen fremd sind, sind dies Fremdwörter.
  3. daher liegt es nahe, daß dies auch bei ad-hoc-Entlehnungen aus dem Englischen zum Einsatz kommt: nge-handle, nge-back-up, nge-cut. (vgl. Beitrag zu nge-freeze, nge-hang)

 

*Mir ist klar, daß Wörter auf /y/ nicht zum Kernwortschatz gehören. Da dies jedoch ein Beispiel aus Sneddons CJI ist, habe ich beschlossen, dies nichtsdestotrotz ebenfalls aufzuführen.

**mengerti/erti verhält sich in beiden Registern ein wenig unregelmäßig, was aber einen eigenen Beitrag wert ist.