Meta: Salam dari Indonesia

Mai 30, 2008

In letzter Zeit bin ich nicht mehr so häufig zum Posten gekommen, das liegt aber daran, daß ich auf dem Sprung war, nach Indonesien, wo ich mittlerweile angekommen bin. Abhängig von meinem Internetzugang und von meiner Zeit werden hier dann hoffentlich weiterhin Einträge erscheinen. Ansonsten Selamat Hari Raya Waisak (heute ist der Geburstag von Buddha, leider fehlt mir grad die Zeit, nachzuschauen, nach welchem Kalender das berechnet wird).

Edit: Der Hari Waisak war natürlich am 20. Mai, nicht am 30. Mai. Am 20. Mai habe ich den Eintrag geschrieben, ihn aber aus irgendeinen Grund nicht sofort veröffentlicht…..


Einsilbige Wörter im Indonesischen

Mai 27, 2008

Das Indonesische gehört zur austronesischen Sprachfamilie, und in vielen Sprachen sind die Wortwurzeln zweisilbig, weswegen auch für das Proto-Austronesische in der Regel zweisilbige Formen angesetzt werden. Dabei können die Silben sowohl offen als auch geschlossen sein. Im Umkehrschluß bedeutet dies, daß einsilbige Wörter aus dem ererbten Wortschatz extrem selten sein sollten. Ich habe mir mal den LDTI zur Hand genommen und alle einsilbigen Wörter aufgeschrieben. Es stellt sich heraus, daß die meisten einsilbigen Wörter entweder Lehnwörter sind, oder es sich um Interjektionen, Affixe oder Funktionswörter handelt, in einigen Fällen um verkürzte Formen oder Abkürzungen. Bei manchen Wörtern war mir nicht klar, ob diese Wörter tatsächlich aus dem Arabischen oder Chinesischen stammten, diese sind mit einem Fragezeichen gekennzeichnet.

Das LDTI hat 4.000 indonesische Einträge, wobei Wörter wie buang, cium, dia, mit einer Kombination aus Halbvokal und Vokal, die häufig in der heutigen gesprochenen Sprache einsilbig gesprochen werden, auf jeden Fall historisch als zweisilbige Wörter anzusehen sind und daher in der Liste nicht auftauchen. (Hinweis: zu einigen Themen werde ich später eigene Einträge schreiben. Bis ich dazu komme, werden die Verweise im durchgestrichenen Schrifttyp dargestellt.)

Interjektionen und Abtönungspartikel

ah, déh, dong, dor, éh, hah, -kah, kan, kok, -lah, lha, lho, nah, nih, sih, to, toh, tuh, wah, ya, yuk. S.a. Liste hier.

Affixe

-ku, -mu, -nya, se-

Anredeformen

Bu (=Ibu), Bung, Dik (=Adik), Kak (= Kakak), Mas, Mbak, Om/Oom, Pak (=Bapak). S.a. dieses Post, das die wichtigsten Anredeformen, ob ein- oder zweisilbig, im größeren Detail bespricht.

Funktionswörter

dan (Konjunktion), di (lokale Präposition), ke (direktionale Präposition), lu (Personalpronomen), pun (Fokusadverb?), sang (Honorifikmarker), si (Diminuitivmarker), sok (Adverb?)

Verkürzte Formen

’nak (< anak) „Kind“, nak (< hendak) „wollen“, ndak/tak (< tidak) „nicht“, außerdem wie oben erwähnt Bu, Pak, Dik, Kak

Akronyme

SIM: (Surat Izin Mengemudi) „Fahrerlaubnisschein“ = Führerschein

Lehnwörter aus dem

1. Arabischen

bab „Buchkapitel“, hak „Recht“, hal (?) „Angelegenheit“, jam „Stunde“, khas „typisch, charakteristisch“, zat (?) „Substanz (im chemischen und metaphysischen Sinn)“

2. Chinesischen

cap (?) „Marke, Stempel“, cat von Hokkien ts’at „Farbe“, mi „Nudeln“, téh von Hokkien te „Tee“

3. Niederländischen

bak „Badewanne (indonesischen Stils)“ von de bak „Kasten“, bir von het bier „Bier“, bis von bus „Bus“, és von het ijs „Eis(kreme)“, gang von de gang „Gasse“, gas von het gas „Gas“, jas von de jas „Jacke“, kos von de kost „Untermiete“, lés von de les „private Unterrichtsstunden“, nol von de nul „Null“, Om/Oom von de oom „Onkel“, pas von pas „exakt, passend“, pérs von pers (mit fürs Niederländische charakteristischer Metathese) „Presse“, ras von het ras „Rasse“, tas von de tas „Tasche“.

4. Englischen

bom „Bombe“, cék „Scheck, checken“, film „Film“, gang/geng „Gang“, grup „Gruppe“, klab „Club“, séks „Sex“, truk „LKW“

5. Niederländischen oder Englischen

rak „Regal“ (N rak, oder E rack), sén „Cent“ (N oder E cent), sop „Suppe“ (N soep, oder E soup), ton „Tonne“ (N ton oder E ton)


ber-si-Verben

Mai 24, 2008

In diesem japanischen Blogeintrag dreht es sich um ein ganz interessantes Wort: bersimaharajalela. In einer einer Artikelserie übersetzt der Blogautor Kapitel aus der Stilfibel Membina Bahasa Indonesia Baku („Richtiges Indonesisch erlernen“) von Yus Badudu ins Japanische. Yus Badudu führt den folgenden Satz aus einer Zeitung an:

  • Jamu Jawa tradisional semakin bersimaharajaléla.

Er bemängelt, daß dieses Wort falsch gebraucht sei, denn bersimaharajalela könne nur im Zusammenhang mit Situationen gebraucht werden, denen der Sprecher negativ gegenüber steht, aber im Zeitungsartikel war eher etwas Positives gemeint. D.h. für Sätze wie den beiden folgenden (merajalela ist eine Variante mit derselben Bedeutung) wäre das Wort passend gewesen:

  • Penjahat-penjahat makin merajaléla saja di kota itu.
  • Karena angin berembus kencang, api makin merajaléla meruak ke kiri kanan membakar segala apa yang dapat dicapainya.

bersimaharajeléla/merajaléla bedeuten also im Fall von unbelebten Subjekten soviel wie „wüten, grassieren“ und im Fall von belebten Subjekten „ungehindert operieren“.

Für einen Fall wie oben wäre also eher etwas wie das folgende passend gewesen, mit tersebar „ausbreiten/verbreiten“:

  • Jamu Jawa tradisional makin tersebar.

Es gibt außerdem eine Variante bermaharajaléla, ohne si-. In dem folgenden Wahlspot zu den gerade abgehaltenen malaysischen Wahlen taucht das Wort am Ende auf:

  • Apabila pemerintah tidur, penjenayah bermaharajéla. Pada pilihanraya ini, undi untuk perubahan.

Ein paar Malaysianismen:

  • apabila „wenn“ (im Indonesischen nur im literarischen Kontext gebräuchlich)
  • penjenayah „Verbrecher“ (im Indonesischen eher penjahat).
  • pilihan raya: „Wahl“, raya „groß, wichtig“ dient dazu, pilihan, das eine Wahl im allgemeinen Sinne bezeichnen, als eine politische Wahl zu bezeichnen. (im Indonesischen pemilihan, meist noch näher bestimmt, wie pemilihan umum, was in Malaysia pilihan raya umum entspricht)
  • undi: wählen, die Stimme geben (im Indonesischen eher memilih)

Aber wenden wir uns jetzt der inneren Struktur dieses interessanten Wortes zu:

  • bersi-maharaja-léla

bersi- kann auch ber- sein, so daß also eher von ber-si- auszugehen ist. maharaja ist ein Wort aus dem Sanskrit und wurde auch ins Deutsche entlehnt, als Maharadscha „Großkönig“. In der Tat besteht aus zwei Bestandteilen, maha und raja, die jeweils mit dem lateinischen magnus und rex verwandt sind. léla bedeutet „Laune“ und wird meist in der Form selélanya „nach Belieben“ verwendet. merajaléla ist entsprechend me-raja-léla, halt ein einfacher raja anstelle eines maharaja.

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist also in etwa wie „sich nach Gutdünken wie ein Großkönig (= tyrannischer Herrscher) aufführen“. Ein Kommentator im obengenannten Blog merkt an, daß es sich bei dem Wort bersimaharajaléla nicht um eine Ableitung mit der Struktur bersi-[maharaja-léla] handele, sondern um die Struktur ber-[si-maharaja-léla]. si wird ja als Diminuitivartikel eingesetzt. D.h. dadurch wird deutlich, daß es sich nicht um einen ehrerebietigen Herrscher, sozusagen sang maharaja, handelt, sondern um jemanden, der sich einbildet, ein kleiner Herrscher zu sein, si maharaja eben.

Sneddon hat einen kurzen Abschnitt auf Verben auf ber-si-, und bemerkt, daß diese Verben in der Regel Varianten ohne si- hätten:

  • bersikeras, berkeras: (keras „hart“) beharren, bestehen (persist)
  • bersitegang, bertegang: (tegang „straff, stramm, gespannt“) ausharren, durchhalten (persevere)
  • bersikukuh, berkukuh: (kukuh „fest, beharrlich“) stur sein, beharren (be stubborn, persist)
  • bersijingkat, berjingkat: auf Zehenspitzen gehen

Die ersten drei sind ziemlich ähnlich, sie alle kommen von Adjektiven, die „hart, fest, straff“ bedeuten, mit si bezeichnen sie jeweils eine Person, die diese Eigenschaft aufweist, si keras „ein harter Kerl“, si tegang „strammer Typ“, si kukuh „Sturkopf“ (es ist nicht klar, ob diese Bezeichnungen im modernen Indonesischen tatsächlich so existieren, da gerade Spitznamen mit si ziemlich idiosynkratisch sind). Das ber- bildet dann das Verb, „sich wie ein harter Kerl verhalten“ usf. Was es mit bersijingkat auf sich hat, ist unklar, da im modernen Indonesisch jingkat keine eigenständige Bedeutung zu haben scheint.

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Verbmorphologie in der populären Umgangssprache

Mai 21, 2008

Ich hatte ja schon in einem vorherigen Eintrag den Irrglauben angeführt, daß man in der Umgangssprache einfach alle Verbaffixe weglassen würde. Das stimmt natürlich so nicht, aber die gesamte Situation ist ziemlich kompliziert, weswegen eine genaue Beschreibung den Rahmen dieses Blogs bei weitem sprengen würde. Ich werde versuchen, ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu machen.

Welches Indonesisch?

Das Problem fängt zunächst einmal damit an, um welche Sprachform es sich handeln soll. Wouk (1989, 1999) unterscheidet zwischen drei verschiedenen Sprachvarianten, die weder in einem Diglossie-Verhältnis zueinander stehen noch in einer regelmäßigen Codeswitching-Situation. Die von Wouk unterschiedenen Varianten im einzelnen:

  • Standardindonesisch (SI): Die auf einer Variante des Hochmalaiischen basierende offizielle Amtssprache, die Gegenstand der Sprachplanung von Amts wegen ist. Es ist die Sprache, die im ganzen Land in den Schulen und Universitäten verwendet wird, und eine riesige Menge an Zweitsprachenlernen aufweist, die als Muttersprache eine von hunderten Regionalsprachen haben. Sie ist beeinflußt worden duch Sprecher des Betwai einerseits und des Javanischen andererseits, deren Sprecher die bevölkerungsstärkste und politisch mächtigste Gruppe in Indonesien darstellen. Von Sneddon (2006) FI (Formales Indonesisch) genannt.
  • Betawi: der Dialekt des Malaiischen, der sich seit der Zeit der Vereenigde Oostindische Compagnie im damaligen Batavia, jetzt Jakarta, entwickelt hat. Aus dem Völkergemisch der Holländerzeit entstand eine neue Volksgruppe, die anak Betawi, die sich des Malaiischen als lingua franca bediente. Betawi wird bis heute noch in Jakarta gesprochen, vor allem von den Angehörigen der Unterschicht.
  • Gesprochenes Jakarta-Indonesisch (SJI, Spoken Jakarta Indonesian). Diese Variante wird in Wouk 1989 als eigenständige Variante vorgeschlagen. Es handelt sich bei den Sprechern um eine Gruppe, die entweder ausschließlich Indonesisch spricht oder weitaus besser Indonesisch als eine Regionalsprache. Eine solche Situation ist typischerweise in gemischten Ehen zu beobachten, welche in städtischen Großräumen, die Menschen aus allen Teilen des Landes anziehen, eher anzutreffen sind als anderswo, so daß Sprecher des SJI typischerweise Angehörige der Mittelschicht in städtischen Gebieten sind, allen voran im Großraum Jakarta. Während üblicherweise die Situation gebildeter Sprecher in Indonesien so ist, daß sie sich in formalen Situationen des Standardindonesischen bedienen,und in informellen Situationen der jeweiligen Regionalsprache, ist es bei dieser Gruppe so, daß sie auch in informellen Situationen aufs Indonesische zurückgreifen. Gegen die Annahme, daß diese Sprecher sich in informellen Situation aufs Betwai zurückgreifen, also eine Diglossie mit Standardindonesisch in formalen Situationen und Betwai in nichtformalen, wendet sich Wouk und führt dabei an, daß in der Sprache von Betawi-Sprechern und SJI-Sprechern klare Unterschiede in den verschiedenen Registern zu finden seien. Ewing 2005 scheint sich gegen diese Sichtweise zu wenden, da dort das „colloquial Indonesian“ als „social style“ denn als Sprachvariante bezeichnet wird.

In diesem Blog hatte ich ursprünglich versucht, die Begriffe Umgangssprache und populäre Umgangssprache auseinanderzuhalten, wobei mit dem ersteren eher eine Umgangssprache im Sinne des Standardindonesischen und mit dem letzteren eher etwas im Sinne des Jakartaindonesischen gemeint war („populär“ in dem Sinne, da dies die Sprache der Unterhaltungsserien im Fernsehen ist). Im nachhinein betrachtet, scheint es so zu sein, daß ich jeden Eintrag, der in irgendeiner Hinsicht sich mit der Umgangssprache beschäftigt, unter der Kategorie „Umgangssprache“ abgelegt habe, und das, was darüberhinaus einen besonderen Bezug zum Jakartaindonesischen aufweist, zusätzlich noch unter „Jakarta“. (Fall ein Eintrag exklusiv zum Betawi handeln würde, könnte ich u.U. auf die Kategorisierung unter „Umgangssprache“ verzichten.) Die Übergänge sind auch ziemlich fließend, mit zahlreichen Überlappungen, so daß ich das wohl so fortführen werde.

Kurzübersicht über die Verbformen

Wouk (1989, 1999) hat für die drei angenommen Sprachvarianten die folgenden Unterschiede in der Verbmorphologie festgestellt. Dieser Teil soll nur die Kategorien erläutern, die Formen werden im Detail im zweiten Teil beschrieben.

  • intransitive Verben werden in der Regel durch ber- markiert, wie z.B. berjalan „gehen“. Einige wenige Verben auch durch meng-, wie z.B. menangis „weinen“. Diese zwei Gruppen unterscheidet Wouk als „statische“ und „aktivische“ Verben. (be- und ng- sind Formen, die Varianten von ber- und meng- sind, mehr dazu im zweiten Teil).
  • transitive Verben werden durch meng- markiert. Diese können im Passiv mit di- stehen (da dies für alle drei Varianten der Fall ist, habe ich der Übersichtlichkeit der Tabelle wegen di- weggelassen).
  • Manche transitive Verben stehen zudem noch mit einem weiteren Suffix, entweder -i oder -kan, ersteres meist mit Empfängern oder Orten als Objekt, letzeres mit den Nutznießern einer Handlung, oder mit einem Objekt, das zu einer Handlung veranlaßt wird. Betawi verwendet statt dessen -in für beides.
  • Es gibt eine Verbform, die ausdrückt, daß dem Subjekt die Absicht fehlt, die Handlung auszuführen, die durch das Verb ausgedrückt wird, das Subjekt also die Handlung versehentlich begangen hat, oder Opfer dieser Handlung geworden ist. (Manchmal kann es auch eine Potentialform sein). Im Standardindonesischen gibt es ter- und ke-an in dieser Funktion, obwohl es Grund zur Annahme gibt, daß ke-an im modernen Malaiischen nicht mehr produktiv war und durch den Einfluß des Javanischen, wo es eine häufig vorkommende Form ist, wieder an Bedeutung gewonnen hat. Im SJI gibt es nun auch ke-, welches auch im Javanischen vorhanden ist, allerdings auch im Betawi, weswegen hier der Nachweis schwierig ist, ob dies eine Übernahme aus dem Javanischen sein könnte.

SI

JI

Betawi

Intransitiv

 

 

 

Statisch

Aktivisch

ber

meng

ber, 0

meng, ng, 0

be, 0

ng, 0

Transitiv

 

 

 

Präfixe

Suffixe

meng

i, kan

meng, ng, 0

i, kan, in

ng, 0

in

Non-volitional

ter, ke-an

ter, ke-an, ke

ke-an, ke

 


Minimalpaare

Mai 18, 2008

Minimalpaare sind Wörter, die sich lediglich in einem Segment unterschieden und die man daher auch ziemlich einfach verwechseln kann. Hier ein paar Beispiele:

Unterschiedliches Segment am Wortanfang:

  • parah „schwerwiegend“ (Krankheit, Wunde)
  • darah „Blut“
  • marah „wütend“

Unterschiedliches Segment in der Wortmitte:

  • bahas „diskutieren“
  • balas „antworten“
  • batas „Grenze“ (das Verb wäre membatasi)

Unterschiedliches Segment am Wortende:

  • peran „Rolle“ (vgl. diesen Eintrag)
  • perang „Krieg“
  • pérak „Silber“ (zugegebenermaßen weicht hier der Vokal ab)

Kein sooo perfektes Minimalpaar, aber auch leicht verwechselbar:

  • perut „Bauch“
  • peluk „umarmen“

Weitere leicht verwechselbare Wörter gern in den Kommentaren hinterlassen!


Das Rätsel der Nachsilbe -an (Teil 2)

Mai 11, 2008

Im ersten Teil ging es also um das Rätsel der Nachsilbe -an und wie ich durch die Tatsache in die Irre geführt wurde, daß in der Umgangssprache ber- häufig weggelassen wird.

Im Sneddon finden wir auch etwas dazu, allerdings unter der Rubrik ber-an-Verben. D.h. die Tendenz, daß in der populären Umgangssprache die Vorsilbe ber- weggelassen wird, trifft hier auch zu.

ber-an-Verben 1: Gegenseitigkeit

Diese Verben werden von Sneddon unter zwei Gruppen zusammengefaßt, Verben der Gegenseitigkeit (reziprok) und Verben der „spontanen Handlung“ („random action“). Beiden ist gemeinsam, daß an der Handlung mehrere Personen beteiligt sind.

Die Verben der Gegenseitigkeit werden normalerweise von transitiven Verben abgeleitet:

  • bersalaman „einander die Hand geben“: Meréka bersalaman waktu bertemu. „Sie gaben einander die Hand, als sie sich trafen“
  • berdekatan „einander nah sein“: Rumah kami berdekatan. „Unsere Häuser sind nah beieinander“

Oft ist eine Variation mit einer Präpositionalphrase möglich:

  • Kapal tangki dan kapal barang bertabrakan. Der Tanker und der Frachter kollidierten.
  • Kapal tangki bertabrakan dengan kapal barang. Der Tanker kollidierte mit dem Frachter.

Die Verben können auch redupliziert auftreten. Für viele Verben ist dies optional (aber auch sprecherabhängig):

  • Anak-anak berkejar-kejaran di halaman. Die Kinder jagen einander hinterher im Hof.

Häufig redupliziert gebrauchte Verben sind wie folgt:

  • berpukul-pukulan „einander schlagen“, auch pukul-memukul
  • bercinta-cintaan „einander lieben“
  • berpeluk-pelukan „einander umarmen“, auch peluk-memeluk
  • berdesak-desakan „einander schubsen“

Bei manchen Verben sind die beteiligten Personen Täter und Empfänger zugleich, wobei dann auch ein Objekt auftreten kann:

  • Meréka mengirim-kiriman surat. Sie schicken einander Briefe.
  • Meréka berpegangan tangan. Sie hielten Händchen.
  • Meréka bertukuran cincin. Sie tauschten Ringe aus.

Verben, die eine räumliche Bedeutung haben, implizieren meist eine gegenseitige räumliche Beziehung:

  • berhadapan „einander gegenüberstehen“
  • berdampingan „Seit an Seit stehen“
  • berbelakangan „Rücken an Rücken stehen“
  • berbatasan „aneinander grenzen“

Einige wenige Verben stehen für persönliche Beziehungen:

  • bermusuhan „Feinde sein“
  • bertemanan „Freunde sein“
  • berpacaran „Geliebte sein“
  • berkenalan „Bekannte sein“

Einige der obengenannten Verben haben auch Varianten mit lediglich ber-, welches auch im begrenzten Maße Verben der Gegenseitigkeit, abgeleitet von Nomen, bilden kann (Sneddon 1.173):

  • bermusuh „Feinde sein“
  • berteman „Freunde sein“
  • berkerabat „verwandt sein“

Es läßt sich argumentieren, daß die oben genannten berkenalan und berpacaran auch ber-Verben sind, da die entsprechenden Nomen kenalan und pacaran gibt.

ber-an-Verben 2: spontane Handlung

Die Verben, die spontane Handlungen bezeichnen, beziehen sich auch auf Handlungen, die durch mehrere Personen ausgeführt werden.

  • Kapan kapal itu terbakar penumpang beterjunan ke laut. Als das Schiff Feuer fing, sprangen die Passagiere ins Meer.

Normalerweise wird die Pluralität des Subjekts nicht explizit ausgedrückt, dies kann aber geschehen, wie im folgenden Beispiel:

  • Para saksi mata mulai bermatian. Die Augenzeugen begannen der Reihe nach wegzusterben.

Weitere Verben:

  • berguguran „fallen (Laub)“
  • berdatangan „(aus allen Richtungen) ankommen“
  • beterbangan „(in alle Richtungen) davonfliegen“
  • bergantungan „(überall) hängen“
  • berlarian „(in alle Richtungen) laufen“
  • bermunculan „(aus allen Richtungen) auftauchen“

ber-an-Verben 3: sonstige

Einige wenige Verbem fallen durchs Raster, vor allem, weil sie keine Pluralität implizieren.

berjualan „(berufsmäßig) verkaufen“ bedeutet das gleiche wie berjual:

  • Dia berjualan kuda. Er lebt davon, Pferde zu verkaufen.

Die Ableitung von pergi „gehen“, bepergian bedeutet einfach „eine Reise machen“:

  • Bepergianlah dengan keréta api! Reise mit dem Zug!

Die Verben berkeliaran „umherwandern“ und berserakan „verstreut sein“ haben keine unabhängig verwendbare Wurzeln. berkeliaran muß sich nicht auf Pluralität beziehen.

  • Dia selalu berkeliaran di sini. „Er streicht hier immer herum.“
  • Tiang-tiang bambu berserakan. „Bambusrohre waren verstreut.“

Zurück zur Umgangssprache

Nachdem wir uns also die diversen Bedeutungsnuancen für die Verbableitungen angesehen haben, kommen wir also wieder zurück zu der Verwendung in der Umgangssprache:

  • Kapan yah kita bisa ngobrolan bareng?

Wieder zeigt sich die Lektion, daß man eben in der Umgangssprache nicht einfach alle grammatischen Affixe weglassen kann, wie es einem beliebt. Das entsprechende Nomen „Plausch“ lautet hier nämlich obrolan (wenn man googelt, kann man zwar Gegenbeispiele finden, das ist zu erwarten, da der Sprachgebrauch erwartungsgemäß fluktuiert; aber meine Informanten machen auf jeden Fall den Unterschied).

Interessant auch die Reduplikation. Sneddon erwähnt ja, daß dies je nach Wort und Sprecher unterschiedlich sei; sie kann optional sein, oder die allgemein übliche Form sein. Für die Ableitung von membalas „antworten“ scheint die Reduplikation vorgezogen zu werden, balas-balasan „(Briefe, Emails, SMS) austauschen“. Auch für die Ableitung des Wortes menangis „weinen“ wurde mir gesagt, daß die Form tangis-tangisan üblicher sei. Und was es bedeute?

  • jadi rame2 menangis „alle weinen miteinander“

Das Rätsel der Nachsilbe -an (Teil 1)

Mai 10, 2008

Ein Kommentar in einem indonesischsprachigen Blog:

  • Kapan yah kita bisa ngobrolan bareng?

Der Satz soll bedeuten „Wann können wir miteinander plaudern?“ Aber warum ngobrolan und nicht ngobrol. Letztere Form ist ja wohlbekannt als „plaudern, schwätzen, klönen“, aber was soll denn die Nachsilbe -an? Auch in singgungan „berühren“ und sogar in chattingan taucht diese seltsame Nachsilbe auf.

Der Normalfall laut Sneddon: vielerlei Nomen auf -an

Normalerweise wird -an ja verwendet, um Nomen von Verben abzuleiten. Dies ist sehr produktiv, wobei das Nomen sich in der Regel auf das Produkt der durch das Verb bezeichneten Handlung bezieht:

  • minum – minuman „trinken – Getränk“, melukis – lukisan „malen – Gemälde“, memilih – pilihan „wählen – Wahl“

Einige wenige Ableitungen von Nomen gibt es auch, wobei die Bedeutung der Ableitung unvorhersagbar ist: mal bezeichnet es eine Vergrößerung gegenüber der Wurzel, mal ist die Bedeutung leicht abgewandelt, mal synonym, dann wiederum ganz anders:

  • laut – lautan „Meer – Ozean“, akhir – akhiran „Ende – Suffix“, gugus – gugusan „Haufen“

Eine Kollektivwörter haben Varianten auf -an.

Es treten auch Nominalbasen mit Reduplikation auf, die vor allem zwei Interpretationen haben können:

Zum einen eine Vielfalt an Dingen, die durch die Nominalbasis bezeichnet werden:

  • sayur-sayuran „(alle verschiedenen Arten von) Gemüse“, pohon-pohonan „alle verschiedenen Arten von Bäumen“

Zum anderen bezeichnet es eine Verkleinerungsform des Nomens, oft im Sinne eines Spielzeugs:

  • mobil-mobilan „Spielzeugauto“, rumah-rumahan „Puppenhaus“, bulan-bulanan („Mond“) „Zielscheibe“, perang-perangan („Krieg“) „Manöver“

Eine Handvoll an Ableitungen von Adjektiven kommen ebenfalls vor, die Ableitung bezeichnet etwas, das die durch das Adjektiv ausgedrückte Eigenschaft aufweist:

  • asam – asaman „sauer – saure Gurken“, manis – manisan „süß – Süßigkeiten“, kotor – kotoran „schmutzig – Exkremente, Müll“

Es ist aber klar, daß die obengenannten Formen keine Nomen sind. Aber Sneddon führt noch weitere Möglichkeiten auf, nämlich Adjektive und Adverbien auf -an zu bilden.

Adjektive und Adverbien auf -an

Bei ersteren handelt es sich um Ableitungen von Nomen, die Zeit, Gewicht oder Abstand bezeichnen:

  • tahun – tahunan „Jahr – jährlich“, z.B. ujian tahunan „jährliche Prüfung“; harian „täglich“, bulanan „monatlich“, mingguan „wöchentlich“, méteran „meterweise“, kiloan „kiloweise“

Bei den Adverbien handelt es sich um Ableitungen von Nomen, Verben und Adjektiven, deren genaue Bedeutung nicht vorhersagbar ist:

  • angin-anginan (angin „Wind“): launisch, kapriziös
  • besar-besaran (besar „groß“): im großen Maße
  • kecil-kecilan (kecil „klein“): im kleinen Maße
  • habis-habisan (habis „fertig, verbraucht“): erschöpfend
  • mati-matian (mati „sterben“): mit großer Anstrengung
  • terang-terangan (terang „hell“): offen, frank und frei
  • terus-terusan (terus „weitermachen“): immerfort, immerzu
  • untung-untungan (untung „Glück“): auf gut Glück

Aber auch um Adjektive oder Adverbien handelt es sich nicht. Wir verlassen den Bereich der Standardgrammatik und wenden uns der populären Umgangssprache zu.

Umgangssprache?

IndoSlang (27f.) erklärt uns, daß in der Umgangssprache -an anstelle von lebih stehen kann, also den Komparativ bilden kann:

  • Cepatan dikit! Mach mal ein bißchen schneller!

Aber darum geht es hier auch nicht. Jedoch folgt als nächstes, daß -an zur Bildung von Verben der Gegenseitigkeit verwendet werden kann. Meist von Verben abgeleitet, das letzte Beispiel ist jedoch von einem Adverb/einer Präposition abgeleitet (bareng „mit, zusammen“):

  • Jadi kapan kita ketemuan? Wann treffen wir uns dann?
  • Seneng bisa temanan sama kamu. Ich bin froh, mit dir befreundet zu sein.
  • Bésok kita télponan lagi ok? Morgen telefonieren wir wieder, ok?
  • Barengan aja! Laß es uns zusammen machen.

Endlich haben wir die Antwort gefunden: in der Standardsprache sind diese Verben als ber-an-Verben bekannt, aber die Vorsilbe wird üblicherweise in der Umgangssprache weggelassen. Im zweiten Teil soll es um diese Verben und ihre Bedeutungsnuancen gehen.